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Bericht über die Jahrestagung der AGOA
vom 29. April bis 1. Mai 2019 in Mainz
(Erbacher Hof bzw. Haus am Dom)

Zur diesjährigen Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der Ordensarchive (AGOA) trafen sich die Ordensarchivarinnen und Ordensarchivare in Mainz, wo sie im Tagungshaus des Bistums, dem Erbacher Hof, gastfreundliche Aufnahme fanden. Nach individueller Anreise und einem Kaffee wurden die Teilnehmenden am 29. April um 15 Uhr durch die Vorsitzende der AGOA, Sr. Scholastika Dietrich OSA, begrüßt.

Ein Grußwort richtete an dieser Stelle auch Dr. Thomas Scharf-Wrede, Vorsitzender der Bundeskonferenz der Kirchlichen Archive in Deutschland (BKK), an das Plenum. Er betonte den Stellenwert der AGOA innerhalb der kirchlichen Archivlandschaft in Deutschland und stellte heraus, dass sich die BKK zur Zeit schwerpunktmäßig mit dem kirchlichen Archivrecht und dem kirchlichen Datenschutzgesetz auseinandersetze. Vor dem Hintergrund der EU-DSGVO würden KAO und KAO-O angepasst werden müssen. Strukturveränderungen in der Katholischen Kirche Deutschlands würden erhebliche Auswirkungen auf kirchliche Registraturen und Archive haben. Abschließend wies er auf die Aus- und Fortbildungsangebote im kirchlichen Archivwesen hin.

In einem ersten Fachvortrag setzte sich der Leiter des Diözesanarchivs Mainz, Dr. Hermann-Josef Braun, mit dem Thema „Vom Wert der schriftlichen Überlieferung“ auseinander. Das Begriffspaar Archiv/Archivar sei vorbelastet, kaum ein Externer könne mit dem Berufsbild etwas anfangen. Insbesondere in den Unterhaltungsmedien gebe es ein klischeehaftes und schiefes Bild von dem Beruf. Allen Archiven sei die historische Dimension eigen („Gedächtnis einer Einrichtung“). Um der Informationsflut in die Archive Herr zu werden, bedürfe es fachlich geschulten Personals. Archive dienten der Sicherung des historischen Erbes und dem Erhalt der Wahrheit. Manipulationen seien unzulässig. Kopfloses Agieren Verantwortlicher ohne Einbeziehung der Archive könne zu desaströsen Auswirkungen in der Öffentlichkeit führen (z. B. hinsichtlich der Auseinandersetzung mit den Themen Zwangsarbeit in kirchlichen Einrichtungen oder sexueller Missbrauch). Der (bewusste) Verlust eigener Überlieferung bedeute auch den Verlust der Grundlagen für eine Verteidigungsstrategie. Auch Digitalisierung enthebe nicht der Sicherung von analogem Schriftgut, zumal es noch kein langfristig zuverlässiges technisches System zur digitalen Archivierung gebe.

In einem zweiten Fachvortrag beschäftigte sich Andrea Wittkampf (Bistumsarchiv Erfurt) mit der Übernahme einer bedeutenden historischen Klosterüberlieferung in das zuständige Bistumsarchiv: „Zum Schicksal von Ordensarchiven: Die Übernahme des Erfurter Ursulinenarchivs ins Archiv des Belegenheitsbistums“. In dem 1994 gegründeten Bistum Erfurt sei die Anzahl der Ordensgemeinschaften überschaubar. Das Archiv der Erfurter Ursulinen sei das einzige im Bistumsarchiv zu erwartende Ordensarchiv. Die Ursulinen hatten bereits vor Jahren beschlossen, keinen Nachwuchs mehr aufzunehmen, so dass sich die Endlichkeit dieses bedeutenden Klosters abzeichne. Im Jahre 2011 sei die Oberin beim Bistum sowohl hinsichtlich des ferneren Schicksals von Kunstgegenständen wie auch der gedruckten und ungedruckten Überlieferung initiativ geworden. Bis 2017 gelang es, die Archivalien in zwei Beständen in das Bistumsarchiv zur dauerhaften Aufbewahrung zu übergeben. Auch die Überlieferung der Weißfrauen/Magdalenerinnen, die bis 1667 am Standort des späteren Ursulinenklosters wirkten, wurde einbezogen. Die Überlieferung des Ursulinenklosters geht bis 1667 zurück und reicht bis in die jüngere Vergangenheit. Die Übernahme erfolgte nach den Grundsätzen der KAO-O. Bereits nach der politisch-staatlichen Wende von 1989/90 war eine Grundsatzvereinbarung mit dem Bistum für die Zeit nach dem Ende des Klosters sowie ein Depositalvertrag zwischen Orden und Bistumsarchiv geschlossen worden. Der übernommene Bestand enthält u. a. Urkunden aus den Jahren 1277‒1770 (173 Urkunden zum Bestand Weißfrauen). Auch der Bibliotheksbestand wurde abgegeben. Die Verzeichnung erfolgte in die Datenbank MIDOSA.

Nach Vesper und hl. Messe im Erbacher Hof sowie dem Abendessen folgte wie in jedem Jahr ein Abendvortrag mit ordensgeschichtlichem Inhalt. Dieses Mal sprach Prof. Dr. Christoph Nebgen, Saarbrücken, Mitarbeiter des Instituts für Mainzer Kirchengeschichte, zum Thema „Das (Erz-)Bistum Mainz und seine Geschichte mit den Orden“. Dahinter verbarg sich ein Streifzug durch die Geschichte der Ordensgemeinschaften im (Erz-)Bistum Mainz. Die Gemeinschaften prägten die Bistumsgeschichte mit. Die Anfänge des dortigen Ordenslebens gehen vermutlich auf iroschottische Wandermönche zurück. Die Geschichte der Orden ist seit der irischen und angelsächsischen Mission (Winfrid-Bonifatius) besser greifbar. Der letzte Mönch auf dem Mainzer Bischofsstuhl im ausgehenden 13. Jahrhundert war ein Franziskaner. Vorgestellt wurden sodann die bedeutendsten Klöster im Bistumsgebiet. Der Neubeginn des klösterlichen Lebens in Mainz nach der Säkularisation ging von Bischof von Ketteler Mitte des 19. Jahrhunderts aus.

Der erste Tag klang wie üblich mit einem „offenen Abend“ aus.

Der zweite Tag begann nach Laudes und hl. Messe in der Ostkrypta des Mainzer Doms, zelebriert durch Bischof Peter Kohlgraf, und dem Frühstück mit zwei Vorträgen. Zunächst sprach der ehemalige Direktor des Archivs des Erzbistums München und Freising Dr. Peter Pfister über „Das Archiv der Zisterzienserinnen von Waldsassen. Gedanken zu seiner Ordnung und Verzeichnung“. Diesen Prozess hat er fachlich begleitet. Es gab bisher kein Archiv im Kloster Waldsassen, das 1864 durch Zisterzienserinnen aus Seligenthal besiedelt wurde und bis heute fortbesteht. Im Zuge umfangreicher Bauarbeiten war an vielen Stellen archivwürdiges Material gefunden worden. Zu dieser Überlieferung kamen noch Unterlagen aus zahlreichen Vereine und Gremien, deren Vorsitzende die Äbtissin ist und die ebenfalls Schriftgut produzieren. Die KAO-O wurde 2015 für das Kloster in Kraft gesetzt. Hieraus erwuchs der Auftrag zum Aufbau des Archivs inkl. Nutzungsordnung usw. 16 Mitarbeitende, die alle eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichneten, wurden für spezielle Tätigkeiten beim Aufbau des Archivs herangezogen. Auch ein geeigneter Raum musste gefunden werden. Die Verzeichnung erfolgte mit ACTApro, die Strukturierung orientierte sich an einem Rahmenaktenplan aus den 1970er Jahren. Die Findbuchübergabe fand durch öffentlichen Akt und bei starker medialer Beteiligung am 2. Februar 2019 statt.

Abgeschlossen wurde der Vormittag durch Werkstattberichte aus drei Mitgliedsarchiven: Christine Hagedorn, Archivarin der Dienerinnen der hl. Kindheit Jesu (Oberzeller Franziskanerinnen) berichtete u. a., dass die KAO-O in ihrer Gemeinschaft in Kraft gesetzt und Anordnungen zur Archivierung getroffen worden seien. Ein Archivplan existiert. Eine Archivsoftware soll eingeführt werden.

Ilona Mages, Archivarin der seit 2004 errichteten Mitteleuropäischen Provinz der Congregatio Jesu in München, war ursprünglich zuständig für die bis dahin selbstständige Ostbayerische Provinz der Schwestern. Seit 2016 erfolgt der Aufbau eines Provinzarchivs für die vereinigte Provinz. Eine Archivtektonik ist vorhanden, die Verzeichnung geschieht durch die Datenbank AUGIAS Express. Als eine ihrer Hauptaufgaben sieht sie eine Bewusstseinsbildung an, umfasst doch die Mitteleuropäische Provinz acht ehemals selbstständige Provinzen mit je eigenen Archiven, deren Bearbeitungsstand völlig unterschiedlich ist. Eine neugestaltete Website stellt Informationen zu den Archivbeständen und zur Geschichte der Gemeinschaft zur Verfügung. Die Einstellung von Findbüchern ist geplant.

Br. Georg Adams, Pallottiner Limburg, stellte sein Provinzarchiv vor. Er selbst konzentriert sich dort vor allem auf die Sicherung der in erster Linie fotografischen Überlieferung. Auch das Bibliotheksgut ist dem Archiv zugeordnet. Viele Fotos dienten ursprünglich als Grundlage für eine Missionszeitschrift.

Nach der Mittagspause führte die übliche Tagungsexkursion nach Eibingen und Eberbach im Rheingau. Auf dem Weg zur Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Eibingen erfolgte zunächst ein Stopp in der Eibinger Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Hildegard mit dem Reliquienschrein der Heiligen. In der Abtei wurden zwei Gruppen durch die Äbtissin, Mutter Dorothea Flandera, und durch Sr. Klara Antons durch die Restaurierungswerkstatt sowie die vom Beuroner Stil geprägte Abteikirche geführt. Nach einer Pause wurde die Vesper mit dem Schwesternkonvent in der Abteikirche gefeiert.

Im Anschluss erfolgte der Transfer zum ehemaligen (säkularisierten) Zisterzienserkloster Eberbach, Weltkulturerbe und eindrucksvolles Monument zisterziensischen Ordenslebens. An die Führung in mehreren Gruppen durch die Anlage schloss sich ein festliches Abendessen in der Klosterschänke an, welches den gelungenen Tag in geselliger Runde abschloss.

Der Abschlusstag (1. Mai) begann wiederum mit Laudes und hl. Messe. Nach dem Frühstück berichtete die Referentin für die Kulturgüter der Ordensgemeinschaften Österreichs, Karin Mayer, über „Kunst, Krempel, Klöster. Das Projekt Sicherung und Erhaltung der Kulturgüter der Orden“. Rege Nachfragen ergaben sich hier vor allem im Hinblick auf einen sinnvollen Umgang mit geistlichen Gegenständen wie z. B. Kreuzen, über die viele Gemeinschaften in Überfülle verfügen.

Dr. Wolfgang Stein vom Provinzarchiv der Pallottiner in Limburg berichtete im Anschluss über „Die Archive der deutschen Kolonialmissionen: Die Pallottiner in Kamerun“. Er konnte im Rahmen von zwei Reisen persönliche Eindrücke gewinnen und bei dieser Gelegenheit auch Einblick in die historische Überlieferung nehmen. Diese liegt sowohl in Kamerun (Staats-, Bistumsarchive) als auch im Ausland (Provinzarchiv Limburg, Archiv des Mutterhauses der Spiritaner in Paris). Die Missionsgemeinschaft der Pallottiner gründete zwischen 1890 und 1913 eine Reihe von Missionsstationen in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun und musste 1916 kriegsbedingt das Land verlassen. Es wird deutlich, dass das dortige Wirken zwar einerseits von dem Gedanken der „Missionierung der Heiden“ getragen war, andererseits aber durchaus auch die zeittypischen Vorstellungen einer geistig-kulturellen Überlegenheit der deutschen Kolonialmacht eine Rolle spielten. Die Pallottiner agierten durchaus als Teil der deutschen Kolonisationsgesellschaft, wirkten aber durch ihre Apostolate auch unmittelbar in die indigene Kultur hinein.

An diesen Vortrag schloss sich der Konferenzteil der Jahrestagung an. Nach dem Mittagessen war für Interessierte noch die Möglichkeit zu einer kleinen Stadt- oder zu einer Domführung geboten.

Pulheim, den 7. Mai 2019

Gez. Dr. Wolfgang Schaffer

 

Das Tagungsprogramm finden Sie hier.